Empörung über OZ-Artikel vom 12.12.2018
13.12.2018

Mit großer Empörung haben wir, die Fachberatungsstelle gegen sexualisierte Gewalt Rostock und der Verein Frauen helfen Frauen, den OZ-Artikel vom 12.12.2018 unter der Überschrift "Sexualdelikte: 80% sind nur erfunden" zur Kenntnis genommen. Die Grundaussagen des Artikels basieren auf völlig unzulässigen Schlussfolgerungen und lassen sich nur als irreführend, unwissenschaftlich und falsch beschreiben.

Zunächst wird mit dem im Titel verwendeten Begriff Sexualdelikt suggeriert, dass sich
die getroffenen Aussagen auf alle strafbaren Handlungen gegen die sexuelle
Selbstbestimmung (§§ 174-184j StGB) beziehen. Tatsächlich aber bezieht sich die
Polizei in ihren Aussagen nur auf den Straftatbestand der Vergewaltigung. Erboster
jedoch sind wir über die Hauptaussage, 80% der Frauen, die eine solche
Vergewaltigung anzeigen, würden lügen und die Taten erfinden.


Dass eine Tat nicht bewiesen werden kann, heißt nicht, dass sie nicht stattfand.
Dass es sich bei dem hier benannten Anteil um keine statistisch oder wissenschaftlich
erhobene Zahl handelt, sondern um eine unzulässige Schlussfolgerung, wird im
Verlaufe des weiteren Artikel durch die Gleichsetzung von Verfahrenseinstellungen mit
einer Lüge der Betroffenen deutlich. Dass Verfahren in Vergewaltigungsfällen aufgrund
fehlender Beweise oder begründeter Zweifel eingestellt werden, ist keine
Überraschung: In den seltensten Fällen gibt es bei Straftaten gegen die sexuelle
Selbstbestimmung Zeug*innen. Viele Betroffene schaffen es in einem psychischen
Ausnahmezustand nach einer Vergewaltigung nicht, sich zeitnah um die
Beweissicherung mittels einer rechtsmedizinischen Untersuchung zu bemühen bzw.
wissen nicht um diese Möglichkeit und Notwendigkeit. Es steht Aussage gegen
Aussage. Mitunter gibt es Lücken in der Erinnerung der Betroffenen oder die Berichte
erscheinen durcheinander – eine Reaktion, die in Folge eines furchtbaren und
traumatischen Erlebnisses vollkommen verständlich und in der Psychotraumatologie
wissenschaftlich belegt ist. Es entstehen berechtigte Zweifel, das Verfahren muss
eingestellt werden. Solange das Gegenteil jedoch nicht bewiesen ist, ist es vollkommen
unzulässig, die Betroffene aufgrund dessen der Lüge zu beschuldigen. Zulässig wäre die
Schlussfolgerung, "80 % der angezeigten Vergewaltigungen können nicht nachgewiesen
werden".


Vergewaltigungsmythen beeinflussen die Strafverfolgung
Der Mythos der Falschbeschuldigungen ist irrational und löst immer wieder den
gesellschaftlichen Reflex aus, an den Aussagen von betroffenen Frauen zu zweifeln.
Auch werden die Einschätzungen von Jurist*innen durch Stereotype beeinflusst, wie
die Forschungsergebnisse der Wissenschaftlerin und Psychologin Barbara Krahé zeigen.
Im Rahmen einer Studie mittels Auswertung von Ermittlungsakten und Interviews mit
Ermittler*innen fand sie heraus, dass es in Fällen, die eher dem Stereotyp einer
„echten Vergewaltigung“ entsprechen (Fremdtäter überfällt Frau im Park und
vergewaltigt sie unter Einsatz von Gewalt trotz ihrer Gegenwehr), eher zur Anklage
kommt als in Fällen, die diesem Klischee nicht entsprechen. Die Glaubwürdigkeit der
Betroffenen wird am ehesten in Frage gestellt, wenn sich die Frau in einer
Vorbeziehung mit dem Beschuldigten befand, wenn sie zur Tatzeit Alkohol konsumiert
hat, älter als 40 Jahre alt ist oder sich in den Augen der Ermittler*innen nicht
hinreichend gewehrt hat. Laut einer Untersuchung des Bundesfamilienministeriums
wird jedoch mehr als 70 Prozent der Frauen Gewalt in der eigenen Wohnung oder
einer vertrauten Umgebung durch eine ihnen bekannte Person angetan. Auch werden
scheinbar Frauen, die einem gewissen Stereotyp eines „Opfers“ entsprechen – scheu,
weinend, schreckhaft – eher als glaubwürdig eingeschätzt als Frauen, die sich aufgrund
ihrer Persönlichkeit, gewisser Bewältigungsstrategien oder im Schockzustand anders
verhalten. Erkenntnisse einer kriminologischen Forschungsgruppe der bayrischen
Polizei um Erich Elsner und Dr. Wiebke Steffen bestätigten 2005 ebenfalls die Tendenz in
der Strafverfolgung, den Anteil an Falschaussagen unrealistisch hoch einzuschätzen,
und benannten die Gefahr des Entstehens eines mit Vorurteilen verbundenen
Misstrauens. Dieses wird durch den Artikel zumindest in der Bevölkerung geschürt.


Die Zahl der Betroffenen ist weitaus höher als die Zahl der Anzeigen
Die ausschließliche Berücksichtigung des Hellfeldes im Artikel vom 12.12. suggeriert
zudem eine falsche Vorstellung des Ausmaßes sexualisierter Gewalt. Unterschiedliche
Studien kommen zu dem Ergebnis, dass der Anteil der Frauen, die eine erlebte
Vergewaltigung NICHT anzeigen, sich zwischen 95% und 84,5% bewegt. Häufig
genannte Gründe von Frauen, sich gegen eine Anzeige zu entscheiden, sind neben dem
Gefühl von Scham und Ohnmacht, die Angst vor den Belastungen im Rahmen von
Vernehmungen und Strafverfahren sowie die Angst, dass ihnen nicht geglaubt wird.


Die Haltung Einzelner und die mediale Berichterstattung beeinflussen das
Anzeigeverhalten Betroffener massiv.

Unabhängig von der Zahl der tatsächlichen Falschbeschuldigungen ist es fraglich,
welche Intention mit dem Artikel verfolgt wurde. Den Mut zur Anzeige und Zuversicht
bzgl. eines würdevollen Umgangs mit ihrer Situation fördert er bei Betroffenen
sicherlich nicht.