Wende im Verständnis von häuslicher Gewalt notwendig
25.07.2019

Erschüttert haben wir die Ereignisse der letzten Tage in Rostock wahrgenommen.

Am 18.07.2019 kam es in Rostock Groß-Klein zu einem schweren Angriff auf eine Frau. Die 31-Jährige wurde mit starken Verletzungen aufgefunden. Der 33-jährige mutmaßliche Täter soll der Exfreund des Opfers sein und in der unmittelbaren Nachbarschaft wohnen. Die Polizei ermittle aktuell noch.

Mit „Du hast mein Leben zerstört, jetzt zerstöre ich deines“ kommentierte nach Aussagen von Nachbar*innen ein 40-jähriger Mann seine Tat in der Nacht vom 20.07. zum 21.07.2019 in Rostock-Dierkow: Der 40-Jährige hielt ein drei Monate altes Baby auf dem Arm und drohte, dieses vom Balkon zu werfen. Er verletzte den Säugling lebensbedrohlich und bedrohte alle Anwesenden – die 18-jährige Mutter des Babys und den 9-jährigen Sohn des Täters - mit einem Messer, wie Polizei und Staatsanwaltschaft bestätigten. Bei der 18-jährigen handele es sich um die Tochter der Partnerin des Täters. Ob der Täter und die Mutter der 18-Jährigen zum Zeitpunkt der Tat bereits getrennt waren, ist aktuell nicht bekannt.

Beide Vorfälle ereigneten sich innerhalb von wenigen Tagen und wurden aufgrund ihrer Schwere medial präsent. Besonders hierbei ist die Charakteristik. Beide Taten wurden medial nicht als Fälle von häuslicher Gewalt bezeichnet und zeigen gleichzeitig dabei doch die große gesellschaftliche Brisanz von häuslicher Gewalt auf.

Bei häuslicher Gewalt sind die Taten meist nicht spontan, sondern stehen am Ende einer langen Gewaltspirale. Viele Betroffene erleben diese Spirale über Jahre hinweg. Eine Übersicht des Bundeskriminalamts (BKA) zeigt das Ausmaß von häuslicher Gewalt in Deutschland. 2017 wurden fast 139.000 Opfer verzeichnet. Opfer, welche durch Anzeige oder Maßnahmen der Polizei ins Hellfeld getreten sind.

Kaum ein Delikt hat ein so hohes Dunkelfeld wie häusliche und sexualisierte Gewalt. Laut der aktuellen Dunkelfeldstudie M-V liegt das Anzeigeverhalten aktuell bei nur 3% im Bereich häuslicher Gewalt und bei 0% im Bereich sexualisierter Gewalt. Im Vergleich zu einer vergleichbaren Studie von 2014 nimmt die Anzeigebereitschaft im Bundesland ab.

Zeitgleich steigen die Fallzahlen, die das Beratung- und Hilfenetz in M-V registriert. Es ist positiv, dass sich immer mehr Menschen an die Beratungsstellen und Frauenhäuser wenden, um professionelle Hilfe und Unterstützung nach Gewalterfahrungen zu erhalten. Andererseits zeigen die hohen Zahlen von Betroffenen in M-V und die aktuellen Ereignisse in Rostock, wie wichtig die Bekämpfung von häuslicher und sexualisierter Gewalt in Mecklenburg-Vorpommern bleibt. Um dieser gesellschaftlichen Schieflage entgegen zu treten, ist ein Paradigmenwechsel im gesellschaftlichen Verständnis von häuslicher Gewalt notwendig.

Häusliche Gewalt umfasst nicht nur partnerschaftliche Gewalt in der ehelichen Wohnung, sondern alle Handlungen körperlicher, sexueller, psychischer oder auch wirtschaftlicher Gewalt, die innerhalb der Familie, des Haushalts oder zwischen früheren oder derzeitigen Eheleuten oder Partner*innen vorkommen. Unabhängig davon, ob der*die Täter*in denselben Wohnsitz wie das Opfer hat oder hatte. Diese Definition liefert die sogenannte „Istanbul-Konvention“, die am 01.02.2018 in Deutschland rechtlich bindend in Kraft getreten ist.

Ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wie groß die Bedrohung durch häusliche und sexualisierte Gewalt ist und wie viele Menschen sie betrifft, ist zwingend notwendig. Eine Sensibilisierung kann nur durch die Zusammenarbeit von Politik, Bildung und Medien erreicht werden. Häusliche Gewalt ist keine Privatsache, sondern muss gesamtgesellschaftlich thematisiert und aufgearbeitet werden.

Beide Taten in Rostock werden polizeilich ermittelt und die Betroffenen medizinisch versorgt. Ebenso essentiell sind die Unterstützung bei der psychosozialen Aufarbeitung der Gewalterfahrungen und das Aufzeigen von Wegen in ein selbstbestimmtes und gewaltfreies Leben.

Das Beratungs- und Hilfenetz in MV bietet Opfern von häuslicher und sexualisierter Gewalt, Menschenhandel und Zwangsverheiratung vertraulich, kostenfrei und parteilich Hilfe und Unterstützung an. Wir ermutigen Betroffene und Angehörige, Kontakt zu den Beratungs- und Hilfsangeboten in ihrer Nähe aufzunehmen.

Darüber hinaus wünschen wir uns von Medienschaffenden eine sensibilisierte Berichterstattung und Wortwahl, wenn häusliche oder sexualisierte Gewalt thematisiert wird.