Sexualisierte Filmaufnahmen auf Festivals in M-V
17.02.2020

Auf Musikfestivals in Mecklenburg-Vorpommern wurden heimlich und gegen ihren Willen Nacktaufnahmen von Besucher*innen gemacht und im Internet veröffentlicht. Der Republikanische Anwältinnen- und Anwälteverein e.V. (RAV) hat eine rechtliche Einschätzung veröffentlicht.

Anfang diesen Jahres wurde durch die STRG_F-Reportage "Spannervideos: Wer filmt Frauen auf Toiletten?" bekannt, dass auf dem Festival "Monis Rache" in Tutow (Landkreis Vorpommern-Greifswald) bis zum Jahr 2018 sexualisierte Filmaufnahmen von Festivalbesucher*innen gemacht wurden, während diese die Toilette besucht haben, und ohne Kenntnis und Einverständnis der Betroffenen auf einer pornografischen Plattform im Internet veröffentlicht wurden.

Laut Medieninformationen der taz soll der Täter mit dem Tausch und Verkauf der Filmaufnahmen Geld verdient haben: "Die Polizei Anklam hat mittlerweile Anzeige gegen unbekannt erstattet, das Verfahren liegt nun bei der Staatsanwaltschaft Stralsund". Teile der Festivalorganisation haben sich bei den Betroffenen entschuldigt und ihre Unterstützung angeboten.

Anfang Februar wurde nun bekannt, dass auch auf dem Fusion Festival in Lärz (Landkreis Mecklenburgische Seenplatte) 2019 unbemerkt Filmaufnahmen von Festivalbesucher*innen gemacht wurden, während diese geduscht haben, und auf derselben Plattform veröffentlicht wurden. Die Veranstalter*innen des Festivals haben mit einer Stellungnahme auf die Übergriffe reagiert und diese verurteilt.

 

Wir möchten uns den Veranstalter*innen, die sich mit den Betroffenen dieser digitalen Form sexualisierter Gewalt solidarisieren, ausdrücklich anschließen und gleichzeitig auf verschiedene Unterstützungsangebote hinweisen.

 

Betroffene aus Mecklenburg-Vorpommern können sich an die Fachberatungsstellen gegen sexualisierte Gewalt wenden, um psychosoziale Unterstützung und Beratung zu erhalten. Eine Übersicht mit den Adressen und Kontaktdaten der Fachberatungsstellen gibt es hier. Alle Angebote der Fachberatungsstellen (u.a. in Schwerin, Rostock, Neubrandenburg, Greifswald, Pasewalk, Stralsund, Bergen auf Rügen) sind freiwillig, auf Wunsch anonym, kostenfrei und vertraulich.

Betroffene aus anderen Bundesländern können Unterstützung bei den Beratungsstellen gegen sexualisierte Gewalt in ihrer Region erfahren. Bundesweite Datenbanken mit den entsprechenden Adressen bietet etwa der bff: Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe und die Frauenhauskoordinierung e.V.

Telefonische Beratung (kostenfrei und anonym) bietet zudem das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" unter der Rufnummer: 08000 116 016 sowie das Hilfetelefon "Sexueller Missbrauch" unter der Rufnummer: 0800 2255 530.

Weitere Informationen zu digitaler Gewalt finden Sie beim bff: Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe hier und hier.

Der Republikanische Anwältinnen- und Anwälteverein e.V. (RAV) hat eine rechtliche Einschätzung zu den sexualisierten Filmaufnahmen bei Festivals veröffentlicht. Darin werden u.a. die Chancen und Risiken eines Strafverfahrens aus Betroffenenperspektive erläutert und erklärt, wie die straf- und zivilrechtlichen Verfahren ablaufen könnten. Welche Möglichkeiten Betroffene haben, sich aktiv am Verfahren zu beteiligen, werden ebenfalls beschrieben. Die Verfasserinnen raten den Betroffenen dringend, sich weitergehende rechtliche Beratung einzuholen. Kontakte zu Anwält*innen könnten z.B. über die Anwaltssuche des RAV oder die örtliche Rechtsanwaltskammer erreicht werden.

Sie raten außerdem:

"Selbstverständlich sollten Betroffene, so Kenntnis besteht, dass Bildmaterial auf Plattformen von ihnen nach wie vor verfügbar ist, unverzüglich die Löschung einfordern. Es besteht ein Löschungsanspruch. Wir raten aber dazu, vor der Löschung die Beweise justiziabel zu sichern. Also bitte Screenshots machen, möglichst mit URL und allen weiteren Daten."

Wir haben die rechtliche Einschätzung des RAV für Sie unten zum Download bereitgestellt.

 

Nachtrag vom 19.02.2020

Wie aus einem Bericht des Nordkuriers bekannt wurde gab es am 14. Februar als Reaktion auf die Übergriffe eine feministische Demonstration in Berlin von ca. 2000 Teilnehmer*innen unter dem Motto "Rache am Patriarchat" - gegen sexualisierte Gewalt und für Selbstbestimmung.