Gesundheitsstudie: Partnerschaftsgewalt im Fokus
30.05.2013

Die DEGS1-Studie "Körperliche und psychische Gewalterfahrungen in der deutschen Erwachsenenbevölkerung" hat auch das Thema Partnerschaftsgewalt untersucht. Nicht berücksichtigt wurden bei der Erfassung, Auswertung und Interpretation die Instrumente einer geschlechtersensiblen Gewalt und Gesundheitsforschung. Dies sorgte für Kritik und nunmehr der Revidierung des Beitrages durch das Robert Koch-Institut.

"Am 27. Mai 2013 hat das Robert Koch-Institut langerwartete Ergebnisse der repräsentativen "Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland" (DEGS1) veröffentlicht. (...) Besondere Irritation löst das Ergebnis zur selbstberichteten Täterschaft von Gewalt in der Partnerschaft von Frauen und Männern aus. Demnach gaben Frauen häufiger an, körperlich und psychisch gewalttätig gegen einen Partner gewesen zu sein als Männer. Diese Differenz in den Selbstangaben steht im Widerspruch zu anderen Studien, die Frauen eher als Opfer denn als Täterinnen ausweisen und lädt zu der voreiligen Interpretation ein, Frauen wären in einer Paarbeziehung gewalttätiger als ihre Partner. Das Nationale Netzwerk Frauen und Gesundheit kritisiert in seiner Stellungnahme die Methode, mit der die Daten im Modul "Gewalterfahrung" erhoben wurden. Völlig außer Acht gelassen wurde, dass in der gesellschaftlichen Lebensrealität von Frauen und Männern Gewalt je nach Geschlecht anders erfahren wird und in der vorherrschenden Geschlechterhierarchie eine andere Bedeutung zukommt. Das Nationale Netzwerk Frauen und Gesundheit fordert daher eine gendersensible Methodik bei der Erfassung, Beschreibung und Interpretation von Gewalt in Paarbeziehungen, denn erst eine genderspezifische Befragung kann zur tiefergehenden Erklärung des Phänomens beitragen. Dr. Petra Brzank"

Die Ergebnisse der ersten Erhebungswelle der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland sind im Doppelheft Mai/Juni 2013 der Fachzeitschrift „Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz“ erschienen.

Die Artikel sind als PDF-Dokumente auf der Webiste des Robert Koch-Instituts (RKI) abrufbar. Hier finden Sie die PDF Datei der Teilstudie "Körperliche und psychische Gewalterfahrungen in der deutschen Erwachsenenbevölkerung

Ein sozialwissenschaftlicher Kommentar zur Rezeption der Studie erschienen im FREITAG:

Der Autor Andrej Holm nimmt die Robert Koch Studie zur Grundlage um den SPIEGEL Online Artikel auf seine Aussage „Männer seien vermehrt Opfer von Partnerschaftsgewalt“ hin zu prüfen und kommt zu dem Ergebniss, dass durch die „Zusammenstellung einzelner Studienergebnisse und aus dem Zusammenhang gerissener Zitate genau dieser Eindruck erweckt“ wirkt. 

Die Studie zeigt: „Die Erfahrung von körperlicher Gewalt in der Partnerschaft liegt bei Frauen (1,2%) um ein Drittel höher als bei Männern (0.9%).

Sie zeigen auch, dass „Männer sich selbst in Bezug auf Gewalt in der Partnerschaft häufiger als Opfer denn als Täter sehen. Die Gewalterfahrungen von Frauen deuten jedoch auf eine erhebliche Dunkelziffer männlicher Gewalttäter in Partnerschaften.“

Das Ergebnis der Studie beschreibt Holm: „Für Männer weist die Partnerschaft die geringsten Gefahr auf, Opfer körperliche Gewalt zu werden.“

Inzwischen (25.6.13) ist auf der Website des Robert Koch Instituts zu lesen:

"Der Artikel "Körperliche und psychische Gewalterfahrungen in der deutschen Erwachsenenbevölkerung – Ergebnisse der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1)" hat kritische Reaktionen von Expertinnen aus der Gewalt- und Geschlechterforschung hervorgerufen. Das RKI plant daher, in Kooperation mit den auf diesem Gebiet tätigen Forscherinnen und Forschern einen revidierten Beitrag zu erarbeiten. Dabei sollen in vertieften Auswertungen Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Geschlechtern im Hinblick auf gesundheitliche Folgen von Gewalt herausgearbeitet werden. Zudem erfolgen zusammen mit den Expertinnen und Experten aus der Gewaltforschung Überarbeitungen der Instrumente für künftige Befragungen zur Gewalt im Rahmen des bundesweiten Gesundheitsmonitorings."